Zeitfotograf

Kann man Zeit fotografieren?

Ich komme mir vor, wie in einem Science-Fiction Film aus den 80ern. Mit „unfassbarer“ Geschwindigkeit schießt ich durch den Raum. Meine Augen versuchen einen Punkt zu fixieren, aber ich bewege mich zu schnell durch einen Tunnel aus Licht und Schatten. Die Umgebung verschwimmt. Ich habe das Gefühl in den Sitz gepresst zu werden. Den Blick starr geradeaus. Es dauert nur wenige Minuten, dann erklingt die Roboterstimme aus dem Lautsprecher: „Next Stopp Norrebro*“. Noch etwas benommen betrete ich den Bahnsteig der Haltestelle und versuche mich zu orientieren.

Normalerweise versuche ich das Zeitfenster beim Fotografieren möglichst kurz zu halten. In Bruchteilen von Sekunden fange ich das Licht ein. Es ist ein extrem kurzer Zeitausschnitt, den ich hier erfasse. Damit sind auch die Veränderungen minimal. Bei der Langzeitbelichtung stelle ich das Prinzip auf den Kopf. Ich versuche ein möglichst langes Zeitfenster zu erfassen. Menschen, die vorübergehen verschwinden, als wären sie nie da gewesen. Fahrzeuge verschwimmen zu farbigen Linien.

Genauso spannend kann es sein, wenn ich, während ich mich Bewege, die Umgebung einzufangen. Je länger das Zeitfenster wird, desto weniger greifbar wird Umgebung. Alles um mich herum verschwimmt. Nichts ist mehr fassbar, gleich meiner Erinnerung an das Gesehene. Nur wenige Fragmente bleiben zurück. Die verschwommene Linie des Horizonts, ein Kirchturm in der Ferne, Objekte am Wegesrand werden zu Linien.

Es ist schon fast philosophisch: Je länger das erfasste Zeitfenster ist, desto klarer wird, was bleibt.

*Nerrobro ist eine Metro-Haltestelle in Kopenhagen. Die Metro dort ist ohne Fahrer. Damit bieten die U-Bahn-Wagen den Reisenden einen freie Blick nach vorne auf die Gleise, in den Tunnel.

Text: Christian Schilffarth