Fotografieren mit ISO 1

Analogue Photo.Festival – Bruneck (BZ)


Es ist 5:00 am Morgen, als mein Wecker läutet. Meine Frau dreht sich kurz um und meint, sie würde lieber noch etwas länger liegen bleiben und wünscht mir einen schönen Tag – toll! Ich quäle mich aus dem Bett. Draußen regnet es. Es hat nur noch 8° – und das Anfang Juni. Um 6:00 soll ich bei Andreas Gänsluckner sein. Wir wollen spätestens um 9:00 in Welsberg ankommen. Ja, genau! Welsberg im Pustertal. Noch genauer: Unser Ziel ist das Hauptquartier des Photostudios Silbersalz. Das Frühstück fällt etwas kürzer aus als sonst. Auf der zweistündigen Fahrt nach Südtirol begleitet uns der Regen. Zeitweise fällt das Thermometer auf unter 4° (Brenner). Der unvermeidliche Stau auf der Luegbrücke erwischt uns auch zu dieser frühen Stunde. Aber wir kommen rechtzeitig an, um im Dorfcafe von Welsberg noch ein kleines Frühstück (Cappuccino aus dem Automaten) zu uns zu nehmen. Dann machen wir uns auf, um das Atelier von Silbersalz zu suchen. Dort findet ein Workshop zum Thema Kollodium – Nassplatten Fotografie statt. Eine Veranstaltung im Rahmen des Südtiroler ANALOGUE Photo.Festivals.

Das Festival ist der Hammer. Über 14 Tage bietet es eine Vielzahl von Ausstellungen und Workshops. Und der Schwerpunkt liegt, wie der Name besagt, auf der analogen Fotografie. Ich weiß, ich weiß, der Eine oder die Andere wird jetzt die Augen verdrehen und sich denken: „Ach, der Christian …“. Aber die Ausstellungen sind sehenswert. International bekannte und regionale Künstler:innen zeigen in Bruneck und Umgebung und bis nach Bozen hinab ihre Werke. Und es gibt auch Fotografie zum Anfassen und Mitmachen. Dieses Festival ist einzigartig hier in unseren Breiten und man kann es mit ROTLICHT. Festival for Analog Photography in Wien vergleichen. Wer nicht dort war, hat wirklich etwas verpasst.

Reisen wir zurück in die Zeit um 1851. Königin Victoria von England eröffnet die Great Exhibition, die erste Weltausstellung,in London und der österreichische Kaiser Franz Joseph I. unterzeichnet das neoabsolutistische Silvesterpatent und hebt damit die oktroyierte Märzverfassung von 1849 auf. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist eine vielschichtige und spannende Zeit für die Gesellschaft, für die Kunst und die Technik. Apropos Kunst und Technik: In dieser Zeit suchen die Menschen nach einer praktikablen Möglichkeit, Abbildungen von Personen und Landschaften herzustellen. Also eine effiziente Alternative zur Malerei. Verschiedenste Verfahren werden erdacht, erprobt und angewendet. Frederick Scott Archer, Robert Jefferson Bingham und Gustave Le Gray entwickeln dafür das Kollodium – Nassplatten Verfahren*, an dem wir uns heute, im Jahr 2026, im Rahmen unseres Workshops versuchen werden:

*Kollodium ist Schießbaumwolle getränkt in Schwefel- und Salpetersäure, gemischt mit Iod- und Bromsalzen in Ethanol und Ether. Die dabei entstehende gelbliche Flüssigkeit nutzte man auch zur Wundbehandlung, da sie recht schnell trocknet und trotzdem elastisch bleibt.

Der Fotograf verwendet dabei als Basisträger eine Glas- oder Metallplatte. Die Oberfläche der Platte muss glatt und sauber sind. Auf diese wird eine Trägerschicht, das Kollodium, gegossen. Das Begießen der Platte mit dem zähflüssigen Kollodium erfolgt von Hand. Es ist wichtig, die Flüssigkeit gleichmäßig über die Platte zu verteilen. Das Ganze muss auch noch zügig gehen, da sonst das Kollodium austrocknet. Für mich als Anfänger nicht ganz einfach. Ich bin anfangs etwas hektisch, was zu einer nicht optimalen Kollodiumschicht führt. Die zweite und dritte Platte wird aber um so besser.

Anschließen wird die noch feuchte Platte in ein Silberbad getaucht. Hier wandeln sich die Iodsalze in Silberiodid und Silberbromid um, die sich in der Kollodiumschicht fein verteilen. Damit ist die Platte besonders für UV-Licht sensibel. Jetzt heißt schnell und effizient zu arbeiten, denn diese UV- Sensibilität hält nur im feuchten Zustand der Platte an. Für den lichtdichten Transport der Fotoplatte muss diese nun ganz rasch unter Rotlicht in eine Filmkassette bugsiert werden.

Alle Einstellarbeiten an der dazu benötigten großformatigen Plattenkamera sollten bereits vor dem Begießen und Sensibilisieren passieren, denn sonst trocknet die Kollodiumschicht ein. Nach einer letzten Überprüfung von Bildausschnitt und Schärfe auf der Mattscheibe der Kamera wird also die noch feuchte Kollodium – Platte mit Hilfe einer lichtdichten Kassette in den Strahlengang der Plattenkamera geschoben. Je nach Lichtverhältnissen heißt es jetzt stillhalten. Belichtungszeiten zwischen 2 und 10 Sekunden (oder auch länger) sind normal.

Danach erfolgt die Entwicklung unter Rotlicht. Dazu wird die Fotoplatte mit einer Hand von unten gehalten und von oben vorsichtig mit dem Entwickler übergossen. Dann gilt es, die Platte so zu halten, dass die Flüssigkeit zwischen 3 und 5 Minuten auf der Platte bleibt. Nach dem Unterbrechen des Entwicklungsprozesses mit Wasser, dem Fixieren und dem vorsichtigen Wässern ist der Prozess fast abgeschlossen. Jetzt muss die Fotoschicht nur noch vollständig austrocknen. Da die Oberfläche extrem empfindlich gegen mechanische Einflüsse ist, muss sie zum Schutz mit Schellack übergossen werden. Dann aber hat das Bild (Metallplatte) oder das Negativ (Glasplatte) eine Haltbarkeit von mehreren hundert Jahren.

Sicher, dieses fotografische Verfahren war, historisch gesehen, eher eine Sackgasse. Für den praktischen Einsatz dieser Technik benötigte der Fotograf immer und überall eine Dunkelkammer. Der Reisefotograf hatte dazu sein Fotolabor auf einen Pferdewagen gepackt und ist so von Ort zu Ort gezogen. Erst mit der Entwicklung der Trockenplatten-Technik wurde die Fotografie dann besser nutzbar.

Wie bereits erwähnt, fand dieser Workshop im Rahmen des ANALOGUE Photo.Festivals in Welsberg statt. Die Einführung in die Technik durch Dino Rekanovic und Torsten Wieczorek –bekannt als WIENER ALCHEMISTEN – war sehr unterhaltsam und praxisnah. Die kleine Teilnehmergruppe bestand aus fünf Teilnehmern, die sehr unterschiedliche fotografische Hintergründe hatten, aber ein gemeinsames Ziel: Die Kollodium – Nassplatten Technik kennenzulernen.

Also eine Glas- oder Metallplatte reinigen, beschichten, belichten, entwickeln und fixieren. Zuvor noch die Kamera einrichten … Das Fotografieren wird damit extrem langsam und erfordert noch mehr bewusstes Handeln als sonst. Weil natürlich die Motivwahl und die Handhabung der Plattenkamera zusätzlich ihre Zeit brauchen. Mit Hilfe einer Belichtungsreihe muss erst die richtige Belichtungszeit gefunden werden, und ändern sich die Lichtverhältnisse, dann muss man halt schätzen. Die Ergebnisse schwanken somit. Das ist nichts für Perfektionisten. Der Tag verging wie im Flug. Nach acht Stunden hatte ich etwa vier Platten belichtet. Eine davon ist halbwegs brauchbar – aber es war ein Riesenspaß und ein echtes fotografisches Abenteuer.

Das Fotostudio und -labor von Silbersalz in Welsberg (BZ), in der Bahnhofstrasse 18, ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Nicht nur, dass das alte Bahnwärterhaus wunderschön hergerichtet ist, die beiden Betreiber:innen, Caroline Renzler und Fabian Haspinger, sind echte Foto-Enthusiasten und liebenswerte, natürliche Menschen. Auf ihrer Webseite (https://silbersalz.photo) findet ihr einen schönen Überblick über die Möglichkeiten, die sie anbieten. Das großartige Fotolabor im ersten Obergeschoss des Hauses ist ein wunderbarer Spielplatz für die Freunde der analogen Fotografie und erlaubt auch das Erstellen großformatiger Abzüge.

Die Sonne geht gerade unter, als Andreas und ich nach längerem Warten an der Mautstation in Sterzing den Brenner überquere. Als ich nach Hause komme ist es schon 21:00. Ich habe einen schönen Tag mit netten Menschen verbracht, neue Kontakte geknüpft, über Fotografie philosophiert und eine neue Welt kennengelernt. Besser geht es kaum noch.

Text: Christian SchilffARTh – Fotos: Andreas Gänsluckner und Christian SchilffARTh