Ausstellungsbesuch
Feuchte Nebelluft umfängt mich. Die Wolken hängen tief über der Landschaft. Kein Mensch ist zu sehen. Nichts lädt ein zum Verweilen. Unwillkürlich schlage ich meinen Mantelkragen hoch, ziehe den Schal enger um den Hals und stecke meine Hände tiefer in die Taschen. Ich habe mich in das Grenzland von Andrea Berger, im Fotoforum (Innsbruck) verirrt.
Dicht gedrängt hängen hier die Ansichten einer Landschaft, die „jenseits von klassischen Werbesujets“ die Tiroler Grenze zeigen sollen. Zunächst wirkt ein Bild wie das andere. Gelegentlich wird die Tristesse von einem Haus oder einem Stuhl im Schnee unterbrochen. Landmarken tauchen aus dem Nebel auf. Feucht und kalt liegt die Grenze vor mir. Des Öfteren war ich schon mit meinem Motorrad unterwegs, aus dem warmen Süden kommend, zurück nach Hause. Am Jaufenpass umfängt mich dann die unfreundliche Kälte des Nordens.
Ich schreite die Reihe, der nicht enden wollenden Bilder, ab. Die Aufnahmen sind technisch gut fotografiert. Keine Frage: Andrea Berger beherrscht nicht nur ihre Kamera, sondern auch die klassische Bildgestaltung. Aber keines der Motive lädt zum Verweilen ein – es sind einfach zu viele und sie hängen zu dicht. Die Hängung erinnert an einen Ausflug durch die Sozialen Medien. Die Hoffnung liegt im nächsten Bild.
Ich spüre eine gewisse Distanz in den Aufnahmen. Es erinnert mich an die 80er Jahre, den eisernen Vorhang. Man durfte sich dem Grenzsteifen nicht nähern. Fotografieren verboten. Die Menschen meiden die Grenze. Häuser stehen leer. Die Natur erobert sich Stück für Stück die Landschaft zurück. Relikte der Zivilisation rosten vor sich hin.
Fotografie ist etwas so Manipulierendes. Der Standort, das Licht und der Blickwinkel definieren, was der Betrachter später sehen soll. Ich muss hier dem Ausstellungstext widersprechen: Diese Bilder sind keine „Dokumentation“ der Landschaft, sondern eine bewusste Manipulation des Betrachters. Sie suggerieren nicht die „Anwesenheit“, sondern zeigen die „Abwesenheit“ des Menschen. Nur in Beton gegossene Fragmente, vom Menschen geschaffen, ragen aus den tief hängenden Wolken hervor.
Während meines Rundgangs durch Nebel und Kälte, beginnt es draußen zu regnen. Der Regen trommelt auf das Dach des Gebäudes. Trotzdem fällt es mir nicht schwer, die Galerie zu verlassen. Ich sprinte durch den Regen, rüber zum La Cantina. Italienisches Flair umfängt mich. „Un espresso per favore“. Zugegeben, auch das ist nur eine Imagination.
Fotoausstellung im FOTOFORUM Innsbruck, Adolf-Pichler-Platz 8, 6020 Innsbruck, DI – FR 15 – 19, SA 10 – 13.
Noch zu sehen bis 20.03.2026
Text: cS
